Rollei 35

Rollei 35 TE von 1982

Rollei 35 TE von 1982

Anfang der 80iger Jahre kam die Rollei 35 TE zu mir. Ich war ein „armer Student“, deshalb reichte es nur für die „TE“ mit dem einfacheren Objektiv. 3,5er Tessar mit 40mm. Die Lichtstärke ist nicht überragend, aber da man die Entfernung schätzen muss, sind große Öffnungen wegen der geringen Schärfentiefe eh nicht so optimal nutzbar.
Die Schärfe ist jedenfalls, wenn man denn richtig geschätzt hat, auch bei dieser Variante ziemlich gut.
Die älteren Modellreihen stammten zum großen Teil aus Deutschland, die TE Version die ich besaß, wurde dagegen in Singapur gebaut. Ihr fehlte leider auch der klassische Zeiger-Belichtungsmesser auf dem Dach der Kamera, stattdessen hatte sie eine Art Belichtungsampel mit drei LEDs (rot-grün-rot)im Sucher. Das machte es nötig, dass man zum Einstellen durch den Sucher sah und machte die Kamera abhängig von einer Batterie – zumindest für die Belichtungsmessung, auslösen konnte man auch ohne Stromversorgung, die Kamera war komplett mechanisch und manuell steuerbar.

Die Kamera war schon damals, Anfang der 80iger, ein Klassiker, schließlich wurde sie bereits seit Mitte der 60iger Jahre gebaut.
Verschiedene Modellreihen mit unterschiedlichen Objektiven und Belichtungsmessern wurden über die Jahre erst in Deutschland und dann in Singapur produziert. Auf der Wikipedia Seite findet man eine ganze Liste der entsprechenden Typen.

Bis Ende der 70iger Jahre war sie die kleinste Kamera für den Kleinbildfilm. Die Baureihe, aus der mein Modell stammt, wurde 1982 „abverkauft“, die Produktion lief aus. Deshalb konnte ich mir als armer Student von meinem Einkommen als Ferienjobber so ein Modell leisten. Es kostete knapp 200,00DM, gefühlt sind das heute 350,00€ bis 400,00€.
Ich wollte sie als Ergänzung zu meiner Canon A1, die mir, speziell mit den Wechselobjektiven, für manche Sachen einfach zu groß war.
Kaufwunschverstärkend waren der Retro-Charme, den diese Kamera schon in den 80igern hatte und die tolle Verarbeitung/Mechanik sowie die Möglichkeit, leise und unauffällig fotografieren zu können. Und das sie keinerlei Automatik aufwies, war für mich damals auch eher ein Vorteil, denn ein Nachteil. Wenn ich eine Automatik wollte, so hatte ich ja zu der Zeit den „Photocomputer“ Canon A1.

Jaguar in Berlin (1983) - Ilford HP5

Jaguar in Berlin (1983) – Ilford HP5

Sie begleitete mich dann oft auf Ausflügen und Urlauben (Studenten haben damals Zeit gehabt ;-) ), aber auch bei meinen Studentenjobs als Auslieferungsfahrer. (Irgendwovon musst ich ja auch leben, die Fotografie ernährte mich ja noch nicht.)
Gelegentlich stand ich dann in der Dunkelkammer und war, wenn ich bei der Aufnahme die Entfernung richtig geschätzt hatte, begeistert von der Schärfe/Präzision. Das schlug die Objektive, die ich zur A1 hatte, manches mal um Längen. Die Bilder der Rollei erkannte ich in der Dunkelkammer oft nicht nur an der falsch herum liegenden Filmnummer, sondern auch ihrer technischen Qualität.
Und an der auf den Bildern sichtbaren gesteigerten Experimentierfreude. Ich machte damit Aufnahmen, die ich mit der SLR nicht machte. Unter anderem deshalb, weil ich sie einfach dabei hatte.


Das quasi um einen Kleinbildfilm und ein Objektiv herum konstruierte Gehäuse macht die Rollei 35 Baureihe wunderbar klein und weitestgehend Jackentaschentauglich (kommt halt auf Eure Jackentaschen an. ;-) ) – erst recht, wenn das Objektiv versenkt ist.
Durch das Metallgehäuse ist die Kamera trotz der geringen Größe stabil und vermittelt das Gefühl, damit auch mal etwas rauher umgehen zu können.
Mir hat die Kombination aus Bildqualität und Verarbeitung und Praxistauglichkeit zusammen mit dem Widerstand, den mir die Kamera entgegensetzte (zu den Mankos komme ich noch) sehr gut gefalllen. Sie hat mich über lange Zeit begleitet. Irgendwann wurde sie dann von Yashica T4 abgelöst, die für Ausflugs- und Familienfotos mit kleinen Kindern, die auch mal von kleinen Kindern fotografiert werden sollten, besser passte.

Neben den Vorzügen gab es aber auch einige Nachteile.

Manko
Es gab keinen Entfernungsesser. Und bei Kleinbild („Cropfaktor 1“, also Vollformat) ist bei 40mm Brennweite die Schärfentiefe bei geöffneter Blende (3.5 bzw.2.8)  nicht gerade riesig. Da sollte man schon einigermaßen genau schätzen können. Hat verblüffend oft geklappt.

Die Blitzbefestigung war unter dem Gehäuse, das sorgt für eine ungewöhnliche Schattenverteilung a la Hollywood-Horrorfilm der 50iger Jahre. Aber man konnte die Kamera ja kopfüber halten und mit dem Daumen der linken Hand auslösen.

Das Filmeinlegen war eine ziemliche Fummelei, der eine oder andere ließ das lieber von der Fachkraft im Fotogeschäft machen. („Bitte entwickeln und von jedem Bild 10*15 glänzend. Und… legen sie mir bitte gleich einen neuen Film ein.“)
In dem Zusammenhang hatte ich ein Erlebnis, das ein sehr schlechtes Licht auf ein örtliches Fachgeschäft warf, zum Glück aber auch ohne mein Eingreifen gut ausging. Evtl. werde ich dazu mal was schreiben.

Durch die Art der Bedienung war die Kamera speziell für heutige Verhältnisse langsam. Aber für Sportaufnahmen oder ähnliches wird sie wohl auch niemand eingesetzt haben. Ihr Metier waren eher geplante Schnappschüsse mit „Schärfefalle“ und Landschaften etc..

Die Brennweite von 40mm ist schon recht lang, 10mm weniger wären für mich mehr gewesen.

Eine Kleinigkeit, aber gerade bei einer solchen Kamera nicht so ganz nachvollziehbar: der Objektivdeckel war nur aufgesteckt und ging schnell verloren.

Trotz der Mankos war die Rollei 35 eine meiner Lieblingskameras. Evt. auch wegen dieser Schwächen, die mich zwangen, zu experimentieren und die Komfortzone der SLR zu verlassen.

Schlussfrage – Würde ich die Kamera auch heute noch benutzen?
Klare Antwort: Ja!
Einschränkung: Das gilt, wenn ich noch mit Film fotografieren wollen würde. Aber Film ist für mich im Bereich von Kleinbild heutzutage keine Option (dazu evtl. mehr an anderer Stelle), deshalb hat die Rollei 35 derzeit keine Chance.

Anmerkung:
Unter http://lausch41.com/r352.htm gibt es eine kleine Bedienungsanleitung zur Rollei 35. Nett geschrieben.

/ 24. Feb 2017

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.